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Ultraschall

827 711 PHØNIX16

CONCERT: Ultraschall 2018 Arturas Bumšteinas

Programm

Arturas Bumšteinas
thus time goes by
Uraufführung

Thomas Ankersmit
Treatise on Musical Objects
für Synthesizer
Uraufführung

Kantine am Berghain
Mittwoch, 17.01.2018 22:30 Uhr

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Review of PHØNIX16 at Ultraschall in nmz

Click here to read the entire article about Ultraschall in nmz, by Isabel Herzfeld. The article is in the March 2017 (66. Jahrgang) print edition of the Neue Musik Zeitung.

Stimme der Musik

Politisch gab sich auch der Abend des jungen Vokalensembles Phønix16: „Balkanroute“ war ein Programm mit Musik aus der Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien und Slowenien überschrieben, nicht als „klingender Kommentar zu den politischen Ereignissen“ der letzten zwei Jahre, wie Ensembleleiter Timo Kreuser meinte, sondern eher als Beispiel verlorener Möglichkeiten, die es vor diesen Verwerfungen gab, in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Elektronische Werke von Ílhan Mimaroglu, Radan Radovanovic und Ivo Malec aus Studios in Belgrad, Warschau und Budapest – wobei der letzte Schliff auch mal vom IRCAM Paris kommen konnte – verblüffen durch Klangfantasie und vitale Erfindung in oft rauherem technischen Gewand, reizvoll gegenüber viel glatteren heutigen Produktionen. Vokalkompositionen von Iannis Xenakis, Ivo Malec und Branimir Sakac wirken in der Kraft von zwölf Stimmen fast körperlich bedrängend – Xenakis setzt sich explizit mit Folter und Diktatur auseinander – und klingen zugleich nach osteuropäischem Marktplatz, nach lebenslus­tigem Kräftemessen und Widerstandsgeist. Immer wieder treten individuelle Stimmfarben aus dem Kollektiv hervor. Sie münden in Vinko Globokars „Airs de voyage vers l’interieur“ von 1978, die sich mit Klarinette und Posaune in stärkerer Geräuschhaftigkeit vereinen und einen veritablen Rundtanz heraufbeschwören – im Publikum, nicht auf der Bühne. „Inwendige Reiselieder“ kann man wahrhaftig wieder gebrauchen, gegen die innere Angst. Ein „stimmiges“ Programm, das unbegreiflicherweise Mut machte.

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Review of PHØNIX16 at Ultraschall on SVR2 Radio

Bernd Künzig of SVR2 did a report (German only) about Ultraschall which you can hear online by clicking here. 

at: 7’9”
Das Highlight des Festivals war jedoch das Konzert mit dem Solistenensemble PHONIX16.
900 498 PHØNIX16

Review of Ultraschall in neues deutschland: Novum und Lichtblick

Das »Ultraschall«-Festival für Neue Musik stellte die Stimme in den Fokus

von Stefan Amzoll

 

This article is behind a paywall. Following are brief excerpts from the review:

Phantastisch »Dodekameron« für zwölf Stimmen von 1970 [von Ivo Malec], ein Stück mit ungeheurer Ausdrucksdichte, Girlanden aus Silben, Vokalen, Atmern, Schreigebärden fliegen aus den Mündern, auch Schönheiten, für die Solopartien stehen. Ein Stück, als wäre es heute geschrieben und PHØNIX16 unter dem hervorragenden Dirigenten Timo Kreuser auf den Leib komponiert worden.

Sein [Vinko Globokar] Stück ist derart vital, sinnlich, improvisatorisch, freudvoll, ausgelassen, dass es allen Spielern und Sängern geradezu in die Körper fuhr. Hohe Spiel- und Singfreude. Die beiden ebenso wie die zwei Instrumentalisten im Raum verteilten Vokalquartette verlassen am Schluss ihre Positionen, treten in die Mitte des Saals und vollführen stimm- und bildkräftig slowenischen Reigentanz. Das geht lange, so lange, bis sie schließlich ihre Köpfe zusammenstecken, als bildeten diese ein Bündel der Verbrüderung. 1977 komponiert. Der Saal staunte. Welche hoffnungsvolle Szenerie. Ein erregendes Konzert.

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Review of Ultraschall in Deutschlandfunk: “Stimme im Fokus”

Das Festival Ultraschall Berlin hat in den letzten fünf Tagen Liebhaber Neuer Musik nach Berlin gelockt. Themenschwerpunkt diesmal: Die Stimme in der neuen Musik.

Von Julia Kaiser

Das Ensemble PHØNIX16 ist ein Hoffnungsträger der neuen Musikszene. Es ist seit der Auflösung der Groupe Vocale de France vor gut 20 Jahren das erste Profi-Ensemble, das sich neuer Vokalmusik für 8 bis 12 Stimmen widmet und wird noch viele historische Schätze der letzten 50 Jahre heben. Vor allem aber sind die Sängerinnen und Sänger von PHØNIX16 so jung, dass neue Musik wieder als cool und zeitgemäß gelten kann. Dem Festival Ultraschall Berlin haben neue Experimentierfelder und kraftvolle Ensembles in diesem Jahr einen fabelhaften Frische-Kick gegeben, der neugierig macht auf den 20. Festivaljahrgang 2018.

“Unkontrollierbare Sprache” nennt Mischa Käser das Wesen seiner Performance zwischen Poesie und Gesang. Scheinbar sinnfrei und doch für jeden im Publikum emotional zu deuten ist das Gurgeln, Knarzen, Lippenflattern und Blubbern, mit dem der Schweizer Sprechlaute bündelt. Einem musikalischen Werkaufbau sei das Ganze dabei nicht fern, sagt Mischa Käser:

“Ich mache einfach den Mund auf, das ist wie bei jemandem, der irgendeine Farbe nimmt und einfach irgendwie auf einem Papier herumkleckert. Und dann merkt er: Ah, das ergibt ja eine Form hier, also mache ich da mal weiter. Dann ist das Wichtige: Wie kriege ich das zusammen? Das hat ganz viel mit romantischen Zyklen zu tun, bei Schubert oder Schumann ist das nicht anders. Ganz einfach gesagt, hat man schnelle Sachen, nach soundso vielen schnellen muss wieder etwas Langsames kommen. Dichte, die sehr auf die Harmonik beschränkt sind, tiefschürfende… Da ist das zyklische Denken, oder wenn man noch weiter zurückgeht, das suitenhafte, bei dem man Tanzsätze hat, genau dasselbe.”

Das Festival Ultraschall Berlin beleuchtet in seinem diesjährigen Programm den Horizont der Stimme in der neuen Musik. Das geht los mit dem Kapitel “Neue Vokalpraktiken” aus Dieter Schnebels Sprech- und Gesangsschule von 1970, vorgetragen von dem Schauspieler Gerd Warmeling. Oder Liedzyklen von Wolfgang Rihm, interpretiert von Christoph Prégardien. Dem gegenüber stehen das textungebundene, geräuschhafte vokale Musizieren und das Annähern von Stimmakrobatik und kontinuierlich erweitertem Stimm-Handwerk, sagt einer der beiden Festivalleiter, Andreas Göbel:

“In der neuen Musik hat sich, was das betrifft, viel entwickelt. Bis in die Spätromantik und das frühe 20. Jahrhundert hieß Vokalmusik: Ich brauche einen Text, eine Vorlage, die ich dann vertonen kann. Das ist in der neuen Musik heute längst komplett anders. Es kann sein, dass dem ein Text zugrunde liegt, aber “stimme” bezeichnet alles, was man mit der Stimme anfangen kann. Das können Laute sein, das kann auch nur die Stimme an sich sein, die überhaupt keinen Text hat, sondern als Instrument betrachtet wird, und die Sängerin/der Sänger formt”.

Wichtige Protagonisten bei der Weiterentwicklung der Stimme in der neuen Musik sind seit drei Jahrzehnten die Neuen Vokalsolisten Stuttgart. In Sergej Newskis “Pazifik Exil” verbinden sie Brieftexte von Thomas Mann mit einem Lamento, das auch in der alten Musik seinen Platz finden könnte.

Wo neue Musik eigentlich herkommt und wie das gestern Neue heute nicht Konvention, sondern angereicherter Fundus werden kann, ist stets Untersuchungsgegenstand des Festivals Ultraschall Berlin. Diesmal ist dabei sogar ein Coup gelungen; ein Programm verbindet Uraufführungen von Solowerken für Schalmei mit neuer Musik für Countertenor. Das historische Holzblasinstrument und die hohe Männerstimme formen dabei ein zeitbefreites Zwiegespräch. Der Countertenor Daniel Gloger lässt schon seit mehreren Ultraschall-Jahren experimentierfreudige Komponisten über seine Stimme verfügen.

“Ich bin ein Werkzeug, ein Werkzeug dafür, einerseits für die Idee, die spezielle Stimme des Barock, den Countertenor, zu untersuchen, was er in der neuen Musik bringen kann und andererseits Werkzeug für die Komponisten und Komponistinnen, alle möglichen Arten des Belebens von Gesang außerhalb des klassischen Belcanto zu untersuchen. Immer wieder zu sehen, welche Stücke, welche Strukturen sind besonders geeignet. Wie zum Beispiel der Bockstriller, der Ziegenbockstriller, den Monteverdi benutzt hat und der in der neuen Musik eben bei solchen Werken wie hier eine wichtige Rolle spielt, weil er sofort eine Intensität mit sich bringt, ohne dabei eine bestimmte Musik anzurühren.”

Nach neuen Einsatzmöglichkeiten für die menschliche Stimme suchen Komponisten der letzten 50 Jahre nicht nur in Deutschland oder Frankreich. Dass es aber in Ländern wie Serbien, Slowenien und Griechenland nicht nur Labore für elektronische Musik gab, sondern auch neue Vokalkompositionen geschrieben wurden, ist heute weitgehend unbekannt. Das erst vor drei Jahren gegründete Vokalensemble PHØNIX16 hat eine musikalische Balkan-Route zusammengestellt. Die Auswahl an Werken war groß; handverlesen hat die Solistengruppe ausgesucht, was zu ihren Stimmen passt. Etwa ein Werk des slowenischen Komponisten Ivo Malec für 12 Stimmen, “Dodecameron”, erklärt der Künstlerische Leiter von PHØNIX16, Timo Kreuser.

“Es sind mit Sicherheit immer Stücke, die sehr die Möglichkeit geben, dass die Sänger sehr persönlich sein können. Du hast 12 Charaktere da sitzen und ich will die auch immer sehen, weil ich das aufregend finde, wenn die zusammen loslegen. Stücke, die wirklich zwölf so bieten und nicht nur eine Chorfassung für zwölf Sänger sind. Ich kann an einer Partitur sofort sehen, ob die zu Phoenix passt. Der emotionale Zugang, der klangliche Zugang, manchmal auch die Extreme, die eine Komposition herausfordert. Manchmal sehe ich: Ich habe die drei Sängerinnen, die das sofort machen können! Oder in dem Fall von Malec, ich habe die Bässe, die dieses Solo in der Mitte abziehen können. Bei denen das nicht komisch wirkt, sondern die das in sich drin haben. Die musst Du nur anschalten, dann machen die los.”

Das Ensemble PHØNIX16 ist ein Hoffnungsträger der neuen Musikszene. Es ist seit der Auflösung der Groupe Vocale de France vor gut 20 Jahren das erste Profi-Ensemble, das sich neuer Vokalmusik für 8 bis 12 Stimmen widmet und wird noch viele historische Schätze der letzten 50 Jahre heben. Vor allem aber sind die Sängerinnen und Sänger von PHØNIX16 so jung, dass neue Musik wieder als cool und zeitgemäß gelten kann. Dem Festival Ultraschall Berlin haben neue Experimentierfelder und kraftvolle Ensembles in diesem Jahr einen fabelhaften Frische-Kick gegeben, der neugierig macht auf den 20. Festivaljahrgang 2018.

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Review of Ultraschall im TAZ: Fauchen, Zischen, Keuchen

Photo: © Kai Bienert

Melodramatische Wendungen, Emanzipationsgeschichten, Klagegesänge, meckerndes Stottersingen: Dieses Jahr widmete sich das Ultraschall-Festival besonders dem Anderen in der Neuen Musik – der Stimme.

Thomas Mauch, taz.de:

Am Sonntagabend gab es dann noch etwas Aufregung. Laute Buhrufe schallten durch den Großen Sendesaal des RBB, was, nach kurzer Verwirrung, mit einigen trotzigen „Bravo“ gekontert wurde. Nicht wirklich auszumessen war dabei allerdings, ob die nun dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin galten oder tatsächlich doch dem Stück selbst, das es aufzuführen hatte beim Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals: die Fünfte Sinfonie von Heinz Winbeck, geschrieben in einer Auseinandersetzung mit Anton Bruckner. Schmetterndes Horn und Geigenschmelz, schwülstig melodramatisch und ohne irgendwelchen ironischen Zungenschlag einfach das 19. Jahrhundert noch einmal nachkomponierend.

Was man ja mal als ein musikalisches Reenactment betrachten mag, das aber schon einigermaßen arg old school wirkte bei einem Festival, das eben der Neuen Musik und der Avantgarde verpflichtet ist. Dass sich allerdings auch das Publikum derart laut die Stimme erhebend in die Programmgestaltung einmischte, das passte eigentlich wiederum bestens zur Dramaturgie des Festivals, das in seiner 19. Ausgabe doch einen entschiedenen Fokus auf die menschliche Stimme und deren Möglichkeiten setzte.

Möglichkeiten, wie sie Dieter Schnebel in einem Essay skizzierte: „Da röhrt es und lallt’s, Aufschreie ertönen und Gelächter, es wird gejohlt, losgeheult, aber auch sirenenhaft gesungen. Sänger fauchen, zischen, keuchen …“

Dieser bereits 1970 entstandene Text „Sprech- und Gesangsschule (Neue Vokalpraktiken)“ wurde beim Festival vom Schauspieler Gerd Wameling vorgetragen. Als Reverenz einerseits an den Komponisten, der den Umgang mit der menschlichen Stimme in der Neuen Musik erweitert, ja revolutioniert hat. Und andererseits eben als historischer Verweis darauf, dass es sich beim Umgang mit der Stimme schon auch um eine Emanzipationsgeschichte handelte, die ihren Platz erst mal finden musste in der Neuen Musik.

In einem Gespräch nach der Lesung seines Textes wies Dieter Schnebel selbst noch einmal darauf hin, dass in den fünfziger Jahren, parallel zur abstrakten Kunst, in der Avantgarde eben vor allem auf eine abstrakte Musik hingearbeitet wurde. Texte und Singstimme hatten da wenig Platz.

Dass die Welt der zeitgenössischen Musik im Wesentlichen instrumental sei, schrieb auch Rainer Pöllmann – zusammen mit Andreas Göbel Ultraschall-Leiter – in einem Text zum Festival, und dass die Stimme darin dann „das Andere“ sei.

Zählte man „das Andere“ im diesjährigen Programm schlicht durch, war das, zumindest wenn gesungen wurde, weit überwiegend mit Frauenstimmen besetzt.

Wobei sich in der Ansprache und musikalischen Artikulation wiederum der Kunstgesang der Sopranistin Mojca Erdmann beispielsweise doch entschieden anders anhörte als die ansonsten im Folk und Jazz beheimatete Sängerin Lena Willemark, die am Samstag im Radialsystem die „Nine Nights“, eine Art Gothic-Schauermärchen der schwedischen Komponistin Karin Rehnqvist, singsangte und hinausschrie. Oder das meckernde Stottersingen, dem sich die drei Sängerinnen der Neuen Vocalsolisten bei Sebastian Clarens „Schlachten 2“ unterziehen mussten: vor allem wohl als Beweis, dass Neue Musik halt immer noch die Lizenz zum Quälen hat.

Anders ungemütlich und dabei wesentlich ertragreicher hörte sich der Freitagabend im Heimathafen an. Da wurde im Schnebel’schen Sinne gefaucht, gezischt, gekeucht und überhaupt der reiche Katalog an stimmlichen Möglichkeiten durchgeblättert, und das in einer schroffen Dringlichkeit. Vor allem in den „Nuits“ von Iannis Xenakis. Ein Klagegesang aus dem Jahr 1967. Er hat nichts von seiner erschütternden Wirkung verloren.

Geschickt wurden in diesem Programm mit dem Solisten­ensemble Phoenix16 die aus den Sechzigern und Siebzigern stammenden Vokalwerke mit Arbeiten aus den Pioniertagen der elektronischen Musik konfrontiert. Etwa von Ivo Malec, die sich mit ihren fröhlich übereinanderstürzenden und in sich kollabierenden Klängen, obwohl in den Siebzigern entstanden, auch bei dem demnächst startenden CTM-Festival allemal frisch ausmachen würden.

Dass Musik letztlich schlicht ein Marktplatz ist, auch das wurde an diesem Abend im Heimathafen mit einer Komposition von Vinko Globokar („Airs de voyage vers l’intérieur“, 1978) verhandelt. Rede, Widerrede. Kommunikation eben. Man hörte das als diszipliniert wildes Durcheinandersingen, was sich am Ende bei den Singenden von Phoenix16 in einem sich zum Rundtanz schließenden Chor zusammenfand.

Was Gemeinsames. Ohne die Vielstimmigkeit preiszugeben. Das passte als Bild durchaus zum gesamten, von der Stimme angetriebenen Ultraschall-Festival in diesem Jahr.

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Review of Ultraschall: Kriegsgebiet aus Klang

Photo: © Dorothee Gommert

UltraschallReporter Lea Kolesnyk (17), am

 

Der Raum, in dem wir uns befinden, ist noch hell, als wir Platz nehmen. Vorne sitzen die zwölf Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, auf dem Podest des Dirigenten steht Timo Kreuser, der künstlerische Leiter des Ensembles PHØNIX 16. Er gibt noch kurz Anweisungen, dann verlässt er die Bühne. Aus dem hinteren Teil des Raumes tönt seine Stimme: „…und – black!“ Alle Lichter verschwinden. Im nächsten Moment geht die Welt unter.

Zuerst nimmt man nur ohrenbetäubenden Krach wahr. Durch die Dunkelheit wird der Gehörsinn geschärft und die maschinellen Geräusche hämmern in unmenschlicher Lautstärke auf einen ein. Sie sind unausweichlich, unnachgiebig. Dann kommt das Licht dazu, doch auch das bietet keinen Schutz. Es ist kalt, manchmal zuckt es wie Blitze um einen herum, manchmal bewegt es sich in so unkontrollierten Formen, dass man das Gefühl hat, der ganze Raum werde aus den Fugen gehoben. Und manchmal hat man das Gefühl, dass es ein Suchscheinwerfer ist, der versucht einen zu finden, um einen komplett auszuliefern und wie auf dem Präsentierteller hinzulegen, ohne Möglichkeit, sich zu verstecken.

In einem Moment, als der ganze Raum für wenige Sekunden in gleißend weißes Licht getaucht ist, kann man die Sänger sehen. Manche von ihnen halten sich die Ohren zu, einer hat sein Gesicht in seinen Händen vergraben. Verständlich, denn die Geräusche, die auf einen einprasseln, sind schwer auszuhalten. Sie tun einem nicht körperlich weh, aber sie dringen zu einer tiefen, instinktiven Ebene vor, auf der es nur noch um „fight or flight“ geht. Wir sind bei dieser Generalprobe ca. 25 Personen im Raum, doch den Geräuschen sieht sich jeder allein ausgeliefert. Jeder muss für sich entscheiden, wie er damit umgeht oder eher, wie er damit umgehen kann. Entweder man wehrt sich, hält sich die Ohren zu und versucht so vieles wie möglich auszublenden und sich gegen die feindliche Umwelt zu isolieren oder man ergibt sich dem Ganzen, lässt die Sammlung an Geräuschen über einen hinüber brausen und nimmt sie auf, auch wenn es unangenehm ist, auch wenn man das Gefühl hat, es schwer zu ertragen zu können. Währenddessen zucken die Lichter weiter über die Wände und nehmen einem jegliche visuelles Raumgefühl. Das, was wir hören, ist brutal, manche Geräusche sind abstrakt und undefinierbar: Knacken, Knallen, unglaublich hohes Quietschen und Kreischen, doch ab und zu lassen sich Formen ausmachen. Schüsse, die durch den ganzen Raum hallen, ein abstürzendes Flugzeug, das Zusammenbrechen eines Gebäudes, das laute Störsignal eines Radios, das nichts mehr sendet. Krieg, Verwüstung, Leid, der Name des Stückes: „Agony“- ein Todeskampf.

Dann geht das Licht an, diesmal das richtige Licht und nicht mehr der Scheinwerfer. Die Sänger stehen bereits. Sie eröffnen das nächste Stück mit einem enorm lauten Cluster. Meistens rufen Cluster in mir ein sehr beklemmendes Gefühl hervor, vor allem, wenn sie vokal erzeugt werden. Es klingt wie viele Menschen, die durcheinander schreien. In der Situation, in der wir uns aber befinden, im Kontrast zum eben Gehörten, wirkt es einfach nur vertraut. Man kann es begreifen bzw. man weiß, mit was man es zu tun hat. Diese Laute kommen tatsächlich aus einem menschlichen Mund und nicht aus einer Maschine, vielleicht drücken sie Leid aus – aber es ist wenigstens Leid, dessen Ausmaß sich nicht unermesslich anfühlt. Insgesamt besteht das Stück aus menschlichen Geräuschen, mal klar heraushörbar, mal mehr und mehr ineinander verwoben, aber immer körperlich und nie fremd.

Da Seltsame ist, auch wenn das erste Stück beängstigend war und sicher nicht für Leute mit Angststörungen geeignet, habe ich es trotzdem als bereichernd empfunden. Es mag zwischendurch schwer sein, sich zu erinnern, dass man ein Mensch ist und nicht nur ein verängstigtes Wesen mitten in einem Kriegsgebiet aus Klang, doch es hat etwas berührt und es hat das Erleben der Vokalwerke umso intensiver gemacht gerade für ein Programm mit einem gewissen politischen Aspekt, wie ihn die „Balkanroute“ nun mal hat, werden Stücke gebraucht, die die Menschen erreichen. Wenn auch nicht immer aus positive Weise.

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Video: PHØNIX16 on ARD Nachtmagazin for Ultraschall

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Ultraschall: Balkan Route

Freitag, 20.01.2017 19:30 Uhr
Ultraschall Berlin
Heimathafen Neukölln, Berlin
Tickets/Info hier clicken

Im Radio
Deutschlandradio Kultur
Konzert (live)
Freitag, 20.01.2017 19:30 Uhr
Kulturradio vom rbb
Musik der Gegenwart
Mittwoch, 12.04.2017 21:04 Uhr

Der Balkan verbindet Orient und Okzident, auf ihm liegt die Wiege der europäischen Demokratie. Zugleich ist er seit Jahrhunderten auch Schauplatz für Kriege und Diktaturen – und in jüngster Zeit für ein die Welt erschütterndes Flüchtlingsdrama.

Die Balkanroute des Berliner Vokalensembles PHØNIX16 beginnt in der Türkei und führt über Griechenland, Serbien und Kroatien nach Slowenien. Sie erzählt von Tod, Leid, Vertreibung und Unterdrückung, von Heimatlosigkeit, sie erzählt aber auch vom Widerstand gegen Terror und letztlich sogar von trotziger Lebenslust und der utopischen Hoffnung auf Gemeinsamkeit und Glück.

Vokalwerke von Iannis Xenakis, Ivo Malec, Branimir Sakač und Vinko Globokar werden konfrontiert mit elektronischer Musik der 1970er-Jahre aus Balkan-Ländern. Und so wird dieses Konzert auch zu einer musikalischen Expedition auf ein hierzulande unbekanntes musikalisches Terrain und in eine Epoche, die, obwohl sie noch gar nicht so lange zurückliegt, doch weitgehend unbekannt ist. Zu hören sind Werke, die wie Vor-Echos der jüngsten Erschütterungen wirken.

Programm

İlhan Mimaroğlu
Agony (1965) 9´
für Tonband

Iannis Xenakis
Nuits (1967) 10′
für zwölf Stimmen

Vladan Radovanovic
Voice from the Loudspeaker (1975) 5´
für einen Lautsprecher

Branimir Sakač
Umbrana (1973)
für zwölf Stimmen

Ivo Malec
Triola 1: Turpituda (1977) 10´
für fixed Media

Ivo Malec
Dodecameron (1970) 18´
für zwölf Stimmen

Ivo Malec
Triola 3: Nuda (1977) 12´
für fixed Media

Vinko Globokar
Airs de voyage vers l’intérieur (1978) 17´
für acht Stimmen, Klarinette, Posaune und Elektronik