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2018

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Konzert: ERSCHRECKEN KANNSTE MORGEN!

Mittwoch, 31.10.2018, 20:00 Uhr
Heimathafen Neukölln

ERSCHRECKEN KANNSTE MORGEN! ist Raumklangmusik, ist Stereophonie, Ambiophonie, Quadrophonie, Octophonie und Mikrophonie. Raumklangkonzepte der elektronischen Studios von Belgrad, Paris und Freiburg, treffen auf Klangflächenkompositionen mit | ohne exzessive Live-Elektronik von Jonathan Harvey und Hans Zender treffen auf richtigen Weltraum mit echten und falschen Aliens.

ERSCHRECKEN KANNSTE MORGEN! ist zeitgenössische Musik und Raum, „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2……..“

ERSCHRECKEN KANNSTE MORGEN! Ist das achte Konzert der Reihe POPPEN | ARBEITEN | ERSCHRECKEN | SHOPPEN.

Programm: PHØNIX16 feat. NoiserKroiser, works by Louis & Bebe Barron, Hans Zender, Brian Ferneyhough, Jonathan Harvey, James Dillon, Juliana Hodkinson.

Vorverkauf: 13 €, ermäßigt: 10 € inkl. Gebühren
Abendkasse: 13 €, ermäßigt: 10 € inkl. Gebühren
Tickets gibt es im Onlineshop oder allen bekannten Konzert- & Theaterkassen.
Die Abendkasse öffnet um 18:00 Uhr.

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Review: Arbeiten in Trondheim nyMusikk

“ARBEITEN KANNSTE MORGEN!”
5.9.2018, Dokkhuset – Trondheim

„POING, Maja S. K. Ratkje, Phønix16 & Timo Kreuser delivered a terrific season opening for nyMusikk’s fall/winter schedule. This, and never have I heard a more beautiful interpretation of the National Anthem of the German Democratic Republic“ 

– Julie Anne Noying, 8.9.2018

 https://julieannenoying.com/2018/09/08/nymusikk-dokkhuset/

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Review: Horos Meteoros at Silent Green

“HOROS METEOROS”
28.-29.08.2018, Silent Green, Berlin

Bittere Leisigkeit: Jakob Ullmanns „Horos Metéoros“ in Berlin (Auszüge)

Eine Oper ohne Szene, eine Oper ohne Musikerinnen – die Bühne leer, die Musikerinnen absent, wie soll das gehen? Kann das einen Sinn ergeben? Es kann. Man muss nur dieser an sich absurden Situation den entsprechenden Stoff vorlagern. […] 

Kann man das alles wohl erahnen und erfühlen, wenn man den antiken Urgrund des Theaterproblems hier nicht kennt? Erhören kann man ihn ja doch nicht mit Sinne von sprachlich Verstehen. Bleibt am Ende nicht vielmehr ein Gefühl des absolut Diffusen übrig, das sich bei jedem anders äußern kann und das man beim ersten Zuhören kaum ausdifferenzieren kann. Man weiß es einfach nicht. Wäre dies die Absicht, handelte es schließlich auch nur um ein Stück, das einer Überwältigungsstrategie folgt. Dagegen spricht aber die ganze Faktur des Stücks. Es wäre dann aber nicht nur in Paradoxien zu fassen, sondern tatsächlich (streng) dialektisch: Präsenz und Absenz, Bewegung und Statik, Dauer und Zeitstille, Leere und Fülle, Ausdruckslosigkeit und Emotion, Ton und Stille, Licht und Dunkel, Innen und Außen, Frei- und Aufklang. Das alles erfüllt auch den musikalischen Topos „Oper“ – aber wie. Aber es spielt längst keine Rolle mehr. Ein Schritt nach draußen belehrt einen sofort über Härten der Jetztzeit, über die Gegenwart, die man mit seiner Existenz beantworten muss (oder es immer auch zugleich tut). Die Ferne des dramatischen Fragments von Ullmann bricht ein Stück aus dem Leben heraus, fast sehnsüchtig machend und gleichwohl existenzpräzisierend. Keine Etüde, bittere politische Erkenntnismusik.

– Martin Hufner, Neue Musik Zeitung, 29.08.2018

 https://www.nmz.de/online/bittere-leisigkeit-jakob-ullmanns-horos-meteoros-in-berlin 

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Konzert: HOROS METEOROS

HOROS METEOROS ist verbannte Musik und verbannte Musiker, ist Musik ohne Musiker und Musiker ohne Musik, Oper ohne Drama und Drama ohne Oper. HOROS METEOROS ist eingesperrte Musik mit eingesperrtem Publikum.

HOROS METEOROS ist Jakob Ullmann’s radikale Oper (nach Euripides “Die Schutzbefohlenen”), in der er dem Publikum jegliches szenisches Geschehen, jegliche Entwicklung und sogar das Schauen verweigert, vielmehr die Situation herumdreht und die Reaktion und Situation des Publikums zum eigentlichen Ursprung des Dramas erklärt.

Wiederaufführung des Konzertes vom 19. Juni 2017 in Athen im Rahmen der Documenta14.

Tickets an der Abendkasse: 15€ / erm. 10€
www.phoenix16.de

PHØNIX16
ensemble mosaik
Molly McDolan – Oboe da Caccia
Conrad Steinmann – Aulos (Antique Oboe)

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Konzert: Mikromusik

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”

The Constitution Concert is the resolute expulsion of the works of marginalized groups and hipsters, mandated women-only contracts, and multicultural foreign-language music from the feel-good culture of our class-society-renaissance-avant-garde into a single concert of equality.

Date/time: 18. August 2018 20:30h
TAK – Theater im Aufbauhaus
Prinzenstraße 85 F (Eingang zum Prinzenhof)
10969 Berlin

Program:
– Diamanda Galás [cover version PHØNIX16]: Schrei X [excerpts]
[a]LIVE-Version!
– Malin Bång: my past you are my breath my… (2008)
– Carlos Gutierrez: New Work (UA, 2018)
– Julius Eastman: Macle (1971)
– Olga Neuwirth: Nova Mob (1998)
– John Cage [arr. Sirje Viise]: Aria with Fontana Mix (1958)
– Liping Ting: WATER – TIMING (series Q.) QiQuiQuoiQuadRiddling (UA, 2018)
– Ashley Fure: filament fragment (UA, 2018)

Click here for the event on the Mikromusik website.

About Mikromusik: What contemporary music embodies with regard to various world regions and their social, cultural, and aesthetic ideas is necessarily interpreted and heard in multi-dimensional and diverse ways. Since its founding in Berlin in 1963, the Artists-in-Berlin Program has created with its residencies in Berlin the framework for points of contact and interconnections between musical varieties, repeatedly transcending boundaries between cultures, genres, and classifications. The fifth edition of the mikromusik festival focuses in particular on addressing notions of equality, diversity, and egalitarianism in societal structures and artistic experiences. It considers, for example, how an in-depth examination of indigenous social structures or the complex interrelationships of the ocean depths in the form of cultural or scientific knowledge can impact the creation of contemporary composition, instrument-making, ensemble culture, the performance setting and listening. Current and former guests of the Artists-in-Berlin Program as well as protagonists from Berlin’s arts scene are invited to develop new projects and present them in an exhibition and in concerts at the daadgalerie and the TAK in Kreuzberg.

With the current residents Ashley Fure (USA), Carlos Gutierrez (Bolivien), Liping Ting (Taiwan), as well as Tatiana López Churata, Alvin Curran, Cedrik Fermont, Diamanda Galas, Clara Iannotta, Neue Vocalsolisten, Karin Helqvist, Emma Iannotta, Chris Swithinbank, PHØNIX16, Lương Huệ Trinh, Malin Bång, John Cage, Julius Eastman, Olga Neuwirth, Fredéric Blondy, Eric Wong, Hui-Chun Lin, Phyu Hnin Thuin, Dimitri della Faille

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Review Positionen: Arbeiten kannste nich!!

“ARBEITEN KANNSTE NICH‘!!!”

01.05.2018, Heimathafen, Berlin

“Es gibt sie noch die großartigen Konzerte mit zeitgenössischer Musik, bei der das Hören gespannteste Aufmerksamkeit wird – für zweieinhalb Stunden ohne Pause: Heute Abend, beim 1. Mai-Konzert des Solistenensembles PHØNIX16 unter Leitung von Timo Kreuser im Heimathafen Neukölln. Ein originell gebautes Programm mit tollen Stücken: ganz besonders: Vinko Globokar: “Réalité Augenblicke” (Dokumentarvideo aus der Flüchtlingsunterkunft Tempelhof) und Matthias Spahlingers “Drama”, aber ebenso Georg Katzers radiophones Stück “Mein 1989”, Timo Kreusers “Hymnen” und: mit den fantastisch wandelfähigen Stimmen von PHØNIX16 erwacht selbst Mauricio Kagels “Hallelujah” zu neuem Leben. Und dazwischen zur intelligenten Entspannung: Kofelgschroa – danke für dieses besondere Hörerlebnis!”         

– Gisela Nauck, Chefredakteurin der Zeitschrift Positionen

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Media: Transmediale on Arte

Program about a piece PHØNIX16 did with James Ferraro at Transmediale+CTM, with a few very short clips of our performance and interviews with the composer.

https://www.arte.tv/de/videos/082467-006-A/james-ferraro-tracks/

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Concert: ARBEITEN KANNSTE NICH’!

Solistenensemble PHØNIX16 feat. KOFELGSCHROA
Kritische Volksmusik meets Neue Vokalmusik

ARBEITEN KANNSTE NICH’ ist Volkstum, Volksglaube, Volksmusik und Volk als Musik. Sechs Kompositionen für bis 16 Stimmen , die sich mit dem Phänomen Volk, Masse und Gesellschaft auseinandersetzen, treffen auf die kritische Volksmusik von Kofelgschroa, vier Künstler und Handwerker aus Oberammergau. Neue Volksmusik meets Neue Vokalmusik meets Neues Volk.

Mit Werken von:
Heinz Holliger, Kofelgschroa, Adriana Hölszky, Vinko Globokar, Georg Katzer, Matthias Spahlinger, Mauricio Kagel

ZWEI KONZERTE: Weimar und Berlin

WEIMAR: 05.04.2018 um 19:30h
Jugend- und Kulturzentrum mon ami
Goetheplatz 11, 99423 Weimar
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BERLIN: 01.05.2018 um 20:00h
Heimathafen Neukölln
Karl-Marx-Allee 141
Berlin-Neukölln
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Review in Night Out @ Berlin of PHØNIX16 at MaerzMusik 2018

Raum und Zeit der Flucht – Das Konzert Zeitgeist und der Film Chauka, Please Tell Us the Time auf dem Festival MaerzMusik 2018 (click for full review)

 

Das Konzert Zeitgeist bei MaerzMusik, Festival für Zeitfragen, wurde von Timo Kreuser und Sonia Lescène für den Samstagabend produziert. Mit Stücken von Brian Ferneyhough, Iannis Xenakis und Ashley Fure schlägt der Konzerttitel auch einen breiteren Begriff von Zeitgeist vor. Denn die Stücke sind in einem Zeitraum von 1957 mit Iannis Xenakis‘ Diamorphes für Tonband bis zur Deutschen Erstaufführung von Shiver Lung 1 und 2 für Perkussion und Live-Elektronik (2017) von Ashley Fure komponiert. Während sich die Rede vom Zeitgeist auf eine aktuelle Stimmungslage bezieht, kommen im Konzert eher weit auseinanderliegende Denkweisen und Gefühlslagen zusammen und werden neu kombiniert.

Bereits mit dem Video von Guillaume Cailleau und Maria Kourkouta in Kombination mit Pour la Paix LIVE-Version für gemischten Chor, Sprecher und Tonband von Iannis Xenakis wurde das Thema Flucht und Flüchtende angeschnitten. […]

Sechzig Jahre Musik mit und ohne Elektronik bzw. Tonband werden im Live-Konzert Zeitgeist neu kombiniert und im Großen Saal des Hauses der Berliner Festspiele anders inszeniert. Das Konzert findet u. a. mitten in den Zuschauerreihen wie mit Miguel Pérez Iñestas Aufführung von Brian Ferneyhoughs Time and Motion Study I für Bassklarinette (1971-1977) statt. Die Bewegung wird nicht zuletzt witzig visualisiert, indem sich der Musiker auf dem Hocker dreht, um von acht Notenblättern auf ebenso vielen Ständern die technisch äußerst anspruchsvolle Komposition zu lesen und auf der Bassklarinette zu spielen. Der Time and Motion Study-Zyklus kann als eine Versuchsanordnung wie als virtuos-improvisierender Vortrag wahrgenommen werden.

Das Stück von nur 9 Minuten ist von Ferneyhough als Studie konzeptuell genau durchgearbeitet worden. Wie wird Zeit wahrgenommen? Die Wahrnehmung der Zeit als eine lineare wurde insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren nicht nur philosophisch, vielmehr auch musiktheoretisch beispielsweise von Pierre Boulez diskutiert. Die drei Stücke unter dem Titel Time and Motion Study reagieren auf diese Diskussion und knüpfen an sie an. Die Zeitwahrnehmung war nicht zuletzt durch die neuen Techniken der Aufzeichnung des 19. Jahrhunderts wie allererst mit der Photographie seit 1840 und später auch mit dem Grammophon zu einem neuartigen Problem geworden. So lässt sich durchaus die Psychoanalyse Freuds als eine Reaktion auf die Photographie bedenken. Ferneyhough schlägt 1977 eine vertikale Zeitwahrnehmung mit Time and Motion Study I vor:

… The title is intended to suggest both a desire to integrate the concept of efficiency as applied to the relationship between the performer, notation and realisation more explicitly into the fabric of the material and its organisation than is perhaps customary, and the conviction that time is most usefully conceived of, not merely in a linear but also in a vertical fashion (i.e. as a function of the mutual interaction of several distinct and layered process-types).

Die genaue Konzeptualisierung von Time and Motion Study I stellte für zumindest einige Musikkritiker eine Herausforderung dar. Wie Zeit und Bewegung sich aufeinander in der Musik beziehen sollten, war für sie keine Frage. Sie hatten wie später Eddie Prévost für Time and Motion Study II ein genaues Wissen von den Regeln für ein „Kunstwerk“. Insofern werden die drei Stücke von Brian Ferneyhough zu Zeit und Bewegung zur nach wie vor gültigen Befragung der Musik durch sich selbst und die Aufführungspraxis, die zwischen Notation und Improvisation angesiedelt und von Miguel Pérez Iñesta höchst engagiert und inspiriert aufgeführt wurde.

… The performance, the work object, are both intended to be stages in a continuum, not an end in themselves. In a complicated (and complex) situation, only complex (if not necessarily complicated) reaction seem to me appropriate. Music needs to be both self-reflexive and self-critical: Time and Motion Study I seeks to reconcile these conflicting demands through its insistence upon a closed, cogent form which, in all respects, is open.

Es ist möglicherweise der Zeitgeist, der im Konzert mit starkem Applaus und ohne Protest nicht nur Time and Motion Study I mehr als Respekt zuteilwerden ließ. Weder gegen den Interpreten Miguel Pérez Iñesta noch gegen die Studie regte sich auch nur eine Spur der Ablehnung aus dem Festivalpublikum. In Time and Motion Study II für singende Cellistin und Live-Elektronik, aufgeführt von Séverine Ballon, hat Brian Ferneyhough eine komplexe Verschaltung des Live-Spiels mit Elektronik durch zwei Fußpedale vorgesehen. Der Komponist hat für das Stück einen regelrechten Schaltplan gezeichnet. Das „Throat-mic.“ für die Cellistin und die Kontaktmikrophone für das Cello am Steg und auf dem Instrumentenkörper werden in einen 1976 noch analogen Schaltkreis eingespeist. Die Klangregie (Michael Havenstein und Simon Spillner) sorgt heute im Haus der Berliner Festspiele für einen perfekt ausgesteuerten Sound, was vor vierzig Jahren gewiss noch weniger verführerisch klang.

Auch für Time and Motion Study III für 16 Solostimmen mit Perkussion und Elektronik (1974) stellte Brian Ferneyhough höchste Ansprüche an die vortragenden Künstler*innen, die vom Ensemble PHØNIX 16 furios erfüllt wurden. Der Komponist hatte das Stück im Auftrag der Donaueschinger Musiktage des SWR für die Schola Cantorum Stuttgart komponiert. Das Stück mit einer Länge von 24 Minuten „with amplification and taped vocal materials sets out to map an unfamiliar terrain demarcated by extreme demands made on the performers, who are required to sing extensive passages with so-called extended techniques”. Ferneyhough knüpft für dieses Stück an die vierstimmige Motette des englischen Komponisten Thomas Tallis Spem in alium (Hoffnung auf einen anderen) aus der Zeit um 1570 an, dessen Polyphonie nun auf eine andere Weise erweitert wird. Die Vokale und Konsonanten werden in Time and Motion III quasi aus dem Text der Renaissancemotette isoliert.

Am auffälligsten und stärksten war die Verschränkung der Zeiten im Konzert mit der Aufführung von Pour la Paix(1981) von Iannis Xenakis mit dem Video von Guillaume Cailleau und Maria Kourkouta. Pour la Paix ist stark an Texten von Françoise Xenakis aus ihren Büchern Écoute (1972) und Et alors les morts pleureront (1974) orientiert. Sie ist am 12. Februar 2018 mit 87 Jahren verstorben, was in Deutschland kaum wahrgenommen worden ist. In Frankreich gehörte sie in den 70er Jahren zu den preisgekrönten Schriftstellerinnen ihrer Generation. In der Kombination mit dem Video wird wechselseitig die Perspektive verrückt: Françoise Xenakis‘ Text wird bedrückend aktuell, die Flüchtlingsbewegungen von 2015 und 2016 werden nicht als die skandalisierte Ausnahme der Massen, sondern als Kriegsschicksal des Einzelnen wahrnehmbar:

F1 Ein Krieg. In zerrissenen Sätzen, in Bildern, in Couplets. Das ist er in seinem Grauen, der Krieg. Grausamkeiten, Massaker, Folter, unendliches Leiden der Männer, der Frauen. Wir sind irgendwo. Da, wo man henkt, erschießt, massakriert. Jetzt ist Feuerpause offiziell. Es ist die zweite in 48 Stunden. Und sie wird genauso lange dauern wie die erste: einige Stunden. Die da oben verlangen, dass die Waffen um 18.45 schweigen sollen. Jetzt kämpfen sie stumm mit dem Messer, und der Sand deckt sie zu: Kleine Brüder – bedeckt von dem Betttuch, dem Sand.  

Maria Kourkouta hat für ihr Video die Kamera mit einer Totalen nahe dem Boden an einem schmalen Trampelpfad der Flüchtenden, wahrscheinlich in Griechenland, positioniert. Sie ziehen mit ihrem Hab und Gut im Winter einzeln an dem Bildausschnitt vorbei. Einige reagieren auf die Kamera andere, die meisten in Gummistiefeln, nicht. Statt Massen und Gruppen wird die/der Einzelne auf der Flucht in ebenso wenig spektakulärer wie Empathie erregender Weise ins Bild gerückt. Pour la Paix lässt sich in der Aufteilung zwischen Männer- und Frauenstimmen auch als eine Art Requiem hören, das von der fast lakonischen Erzählung Françoise Xenakis‘ mit Perkussion strukturiert wird.

F2 Die Granate explodierte über ihnen. Sie hatten Zeit nachzudenken. Der eine: so war es gut. Der andere : NEIN

Das Konzert nimmt hier eine Montage vor, bei der Text und Bild gerade nicht in einem Zeichen- oder Abbildverhältnis gesetzt werden. Weder beschreibt der Text das Bild noch illustriert das Bild den Text, vielmehr spricht Pour la Paix als Appell gegen Krieg, vor dem die Menschen flüchten. PHØNIX 16 interpretiert damit das Genre Konzert auf eine besondere Weise. Auch mit Orient-Occident für Tonband von 1960 wird als auf Pour la Paix folgendes Stück auf das Flüchtlingsthema angespielt. Das Konzert legt sich nicht fest. Doch mit Nuits Phonèmes sumériens, assyriens, achéens et autres für 12 Stimmen von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1967 wird wenigstens phonetisch an den syrisch-irakischen Raum erinnert, als er noch eine breite Faszination, statt (Kriegs-)Ängste auslöste. Das Konzert montiert somit einen Klang, der nicht zuletzt durch die exquisiten Vokalisten von PHØNIX 16 zu faszinieren vermag.

Nach der zweiten Pause wurden Shiver Lung 1 und 2 von Ashley Fure aufgeführt. Sie gehört zur jüngsten Generation der Komponistinnen und hat gerade ab Juli 2018 den Preis für das Berliner Künstlerprogramm des DAAD gewonnen. Sie interessiert sich besonders für den Posthumanismus und eine Musik wie Dramatik der Dinge. Weder die Komponistin noch der Interpret sollen in ihren Kompositionen durch Subjektivität zur Geltung kommen. Man könnte für ihre Komposition insbesondere von Shiver Lung 1 für Perkussion und Live-Elektronik (2017), von einer sensitiven Zufallsmusik sprechen. Auch in Shiver Lung 2 für 12 Stimmen mit Perkussion und Live-Elektronik geht es mehr um Atemgeräusche an der Grenze der Wahrnehmbarkeit. Gegenüber den Anforderungen, die Brian Ferneyhough an die Aufführenden gestellt hat, geht es bei Ashley Fure um einen entschiedenen Verzicht auf Beherrschung. […]

Ashley Fure knüpft mit ihren aktuellen Kompositionen an den Diskurs des Posthumanismus von Stacy Alaimo in Exposed: Environmental Politics and Pleasures in Posthuman Times (2016) an. Diese artikuliert den Wunsch nach Umformung des Verlustes der Souveränität als eine Einladung an Posthumanisten „sense of the self as opening unto the larger material world and being penetrated by all sorts of substances and material agencies that may or may not be captured”. So werden Perlenketten u.a. in die Subwoofer von Lautsprecherboxen gehalten, die wie Membranen funktionieren und durch Rückkopplung in Vibration versetzt werden. Die elektronische Verschaltung und Steuerung erzeugt atem- und schlagzeugähnliche Geräusche, die gerade keine Beherrschung durch den menschlichen Interpreten aufführen. Die Musik wird auf diese Weise auf durchaus ambivalente Weise enthumanisiert. Die Technologie soll die Musik aus einem Anthropozentrismus befreien. […]

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Review in Freitag of PHØNIX16 at MaerzMusik 2018

Click here to read the full review by Michael Jäger

Der Krieg rückt näher

MaerzMusik 2018: Auch ältere Kompositionen sind aktuell: Brian Ferneyhough und Yannis Xenakis neben Ashley Fure

[…]Bereits das erste von mir besuchte Konzert verband die entgegengesetzten Richtungen. Unter dem Titel „Zeitgeist“ wurden am Samstag ältere Werke von Brian Ferneyhough und Yannis Xenakis, deren Bedeutung in der Musikgeschichte längst außer Zweifel steht, mit Werken der 1982 geborenen Komponistin Ashley Fure zusammengestellt, die schon mit etlichen Preisen aufwarten kann. Das Programmheft stellt fest, dass auch die älteren Werke – von Ferneyhough zwischen 1971 und 1977, von Xenakis zwischen 1957 und 1981 komponiert – immer noch aktuell sind oder jedenfalls „aktualisiert“ werden können, da sie „mit der Gegenwart korrespondier[en]“. In einem weiten, nicht leeren Sinn dürfte das ja für jede gute Musik gelten, die wann immer geschrieben wurde; es ist aber wahr, dass uns etwa Xenakis besonders nahe ist oder sein könnte, weil er den modernen Krieg thematisiert, so in Diamorphoses für Tonband (1957), einem Werk, das Bomben- oder Granatenexplosionen nacherleben lässt, oder in Pour la Paix, einer Art Oratorium über moderne Kriegsgräuel nach einem Text von Françoise Xenakis (1981).

Das letztere Werk wurde dadurch aktualisiert, dass ein immer wieder eingeblendetes Video Flüchtlinge zeigte, die an einem Tag des Jahres 2016 das Niemandsland zwischen Griechenland und Mazedonien durchquerten. Wo es Kriege gibt, gibt es Flüchtlinge, und sie gehen uns etwas an, auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen. Dieses Video, für sich genommen außermusikalisch, und der Musik wegen war ich gekommen, hat mich trotzdem besonders bewegt. Die Kamera stand still und zeigte einen einzigen Ausschnitt. Man sah weit hinein in eine triste flächige Landschaft, in der Nähe eine vielleicht von Bulldozern geschaffene Sandstraße, davor noch Unkraut und kleine Grasbüschel als das Einzige, was sich im Wind bewegte. Dieser Ausschnitt wurde immer wieder von Einzelnen, Paaren oder ganzen Familien von rechts nach links durchquert. An ihrer Kleidung sah man, dass es kalt war. Sie trugen Rucksäcke, viele auch noch einen Sack an der Hand, manche eine Matratze auf dem Kopf. Alle ruhig und gefasst. Gelegentlich gingen welche, die von links kamen und kein Gepäck hatten, Einheimische offenbar, an ihnen vorbei. […]

Eindrucksvoll schloss sich die dritte Study „für 16 Solostimmen mit Perkussion und Elektronik“ an (1974). Hier hörte man, wie der Komponist es anging, das Problematische zu transzendieren. Sein Chor bewegte sich im Übergang von Lauten, die auf irgendwelche Eindrücke, von denen die Solostimmen bedrängt wurden – jeder und jede anders -, unbeholfen genug reagierten, zu wenigstens kurzen Linien auf nur einer Tonhöhe. Auch diese Komposition war bei aller Komplexität hörbar gut organisiert. Und ist ermutigend. Dass jene Linien nüchtern bleiben, statt ihren kleinen Schritt über die Unbeholfenheit hinaus zu feiern, ist wunderbar. Die Unbeholfenheit – dass man sie nicht scheut – war ja das Wichtige, weil anders gar nichts in Gang käme. Von hier führte ein erstaunlicher Bogen schon zu Xenakis, in dessen Chören es mehr Ausrufe waren, die zu den Linien hinzutraten, und schließlich zu Ashley Fure. In Shiver Lung „für sieben Stimmen mit Perkussion und Live-Elektronik“ (2016), einer deutschen Erstaufführung, stellte sich das spontane „schaudernde, fröstelnde, zitternde“ (shiver) Reagieren in der äußerst reduzierten Form zweier Frauen dar, die einander anhauchten, dies aber mit Lautsprechern. In der Mitte des Saals, vom Publikum umgeben, standen sie sich gegenüber. Die ergänzende Musik war nicht nüchtern, eher esoterisch. Das Programmheft charakterisiert sie als ein Ringen „mit der beseelten Vitalität von Materie“. Bemerkenswert war das ungewöhnliche, oft sehr leise Schlagzeug. Über einer verdeckten Maschine wurden etwa Halsketten zum Vibrieren gebracht.

Das Ensemble PHØNIX16 unter der Leitung Timo Kreusers gestaltete über fast dreieinhalb Stunden einen interessanten, wenn auch anstrengenden Abend. Instrumentale Solist*innen waren neben Séverine Ballon Jonathan Boudevin, Perkussion, und Miguel Perez Iñesta, Bassklarinette, alle brillant.

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