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Review in Freitag of PHØNIX16 at MaerzMusik 2018

Click here to read the full review by Michael Jäger

Der Krieg rückt näher

MaerzMusik 2018: Auch ältere Kompositionen sind aktuell: Brian Ferneyhough und Yannis Xenakis neben Ashley Fure

[…]Bereits das erste von mir besuchte Konzert verband die entgegengesetzten Richtungen. Unter dem Titel „Zeitgeist“ wurden am Samstag ältere Werke von Brian Ferneyhough und Yannis Xenakis, deren Bedeutung in der Musikgeschichte längst außer Zweifel steht, mit Werken der 1982 geborenen Komponistin Ashley Fure zusammengestellt, die schon mit etlichen Preisen aufwarten kann. Das Programmheft stellt fest, dass auch die älteren Werke – von Ferneyhough zwischen 1971 und 1977, von Xenakis zwischen 1957 und 1981 komponiert – immer noch aktuell sind oder jedenfalls „aktualisiert“ werden können, da sie „mit der Gegenwart korrespondier[en]“. In einem weiten, nicht leeren Sinn dürfte das ja für jede gute Musik gelten, die wann immer geschrieben wurde; es ist aber wahr, dass uns etwa Xenakis besonders nahe ist oder sein könnte, weil er den modernen Krieg thematisiert, so in Diamorphoses für Tonband (1957), einem Werk, das Bomben- oder Granatenexplosionen nacherleben lässt, oder in Pour la Paix, einer Art Oratorium über moderne Kriegsgräuel nach einem Text von Françoise Xenakis (1981).

Das letztere Werk wurde dadurch aktualisiert, dass ein immer wieder eingeblendetes Video Flüchtlinge zeigte, die an einem Tag des Jahres 2016 das Niemandsland zwischen Griechenland und Mazedonien durchquerten. Wo es Kriege gibt, gibt es Flüchtlinge, und sie gehen uns etwas an, auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen. Dieses Video, für sich genommen außermusikalisch, und der Musik wegen war ich gekommen, hat mich trotzdem besonders bewegt. Die Kamera stand still und zeigte einen einzigen Ausschnitt. Man sah weit hinein in eine triste flächige Landschaft, in der Nähe eine vielleicht von Bulldozern geschaffene Sandstraße, davor noch Unkraut und kleine Grasbüschel als das Einzige, was sich im Wind bewegte. Dieser Ausschnitt wurde immer wieder von Einzelnen, Paaren oder ganzen Familien von rechts nach links durchquert. An ihrer Kleidung sah man, dass es kalt war. Sie trugen Rucksäcke, viele auch noch einen Sack an der Hand, manche eine Matratze auf dem Kopf. Alle ruhig und gefasst. Gelegentlich gingen welche, die von links kamen und kein Gepäck hatten, Einheimische offenbar, an ihnen vorbei. […]

Eindrucksvoll schloss sich die dritte Study „für 16 Solostimmen mit Perkussion und Elektronik“ an (1974). Hier hörte man, wie der Komponist es anging, das Problematische zu transzendieren. Sein Chor bewegte sich im Übergang von Lauten, die auf irgendwelche Eindrücke, von denen die Solostimmen bedrängt wurden – jeder und jede anders -, unbeholfen genug reagierten, zu wenigstens kurzen Linien auf nur einer Tonhöhe. Auch diese Komposition war bei aller Komplexität hörbar gut organisiert. Und ist ermutigend. Dass jene Linien nüchtern bleiben, statt ihren kleinen Schritt über die Unbeholfenheit hinaus zu feiern, ist wunderbar. Die Unbeholfenheit – dass man sie nicht scheut – war ja das Wichtige, weil anders gar nichts in Gang käme. Von hier führte ein erstaunlicher Bogen schon zu Xenakis, in dessen Chören es mehr Ausrufe waren, die zu den Linien hinzutraten, und schließlich zu Ashley Fure. In Shiver Lung „für sieben Stimmen mit Perkussion und Live-Elektronik“ (2016), einer deutschen Erstaufführung, stellte sich das spontane „schaudernde, fröstelnde, zitternde“ (shiver) Reagieren in der äußerst reduzierten Form zweier Frauen dar, die einander anhauchten, dies aber mit Lautsprechern. In der Mitte des Saals, vom Publikum umgeben, standen sie sich gegenüber. Die ergänzende Musik war nicht nüchtern, eher esoterisch. Das Programmheft charakterisiert sie als ein Ringen „mit der beseelten Vitalität von Materie“. Bemerkenswert war das ungewöhnliche, oft sehr leise Schlagzeug. Über einer verdeckten Maschine wurden etwa Halsketten zum Vibrieren gebracht.

Das Ensemble PHØNIX16 unter der Leitung Timo Kreusers gestaltete über fast dreieinhalb Stunden einen interessanten, wenn auch anstrengenden Abend. Instrumentale Solist*innen waren neben Séverine Ballon Jonathan Boudevin, Perkussion, und Miguel Perez Iñesta, Bassklarinette, alle brillant.

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